Das Große Torfmoor
Über das Moor erzählt man sich seit Jahrhunderten geheimnisvolle Geschichten, leise und heimliche Gedichte und schwere Balladen. Denn das Moor hat von alters her die Menschen beschäftigt. Die meisten Geschichten haben etwas Mystisches oder gar Unheimliches an sich. Unsere bekannteste Heimatschriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff hat mit ihrem Gedicht „Der Knabe im Moor“ ein Werk geschaffen, das bis vor einigen Jahrzehnten jeder Schüler noch auswendig lernen musste und das gleich in der ersten Strophe einige Klischees über das Moor auf den Punkt bringt.
„O, schaurig ist’s übers Moor zu gehen, wenn es wimmelt vom Heiderauche, sich wie Phantome die Dünste drehn und die Ranke häkelt am Strauche, unter jedem Tritte ein Quellchen springt, wenn aus der Spalte es zischt und singt, o, schaurig ist’s übers Moor zu gehen, wenn das Röhricht knistert im Hauche!“
Vor einigen Jahrzehnten musste ich mich während meiner Bundeswehrzeit 14 Tage im Osterholzer Moor (Niedersachsen) aufhalten und es mehrfach durchqueren, durchwaten und durchschwimmen. Dieser Aufenthalt im Moor fand in einem sehr trockenen Sommer statt. Folglich gab es keinen Nieselregen und keinen wabernden Nebel und außerdem war das Moor von Heidschnucken und vielen Wanderern bevölkert. Mehrfach bis zu den Knien im Moor eingesackt sind wir aber auch in jenem trockenen Sommer.
Um das Moor von seiner stillen Seite kennenzulernen, empfehle ich einen Ausflug im Herbst oder im zeitigen Frühjahr. Einige Hintergrundinformationen und einen kleinen Vorgeschmack gebe ich Ihnen in diesem Bericht.
Das Moor als Rohstofflieferant
In der vorindustriellen Zeit hatten die Moore eine große Bedeutung als Lieferant von Brenn- und Baumaterial. Später wurde Torf durch viele andere Produkte ersetzt und das Moor spielte bei den Menschen weder als Rohstofflieferant noch als erhaltenswerte Landschaft oder als Ausflugsziel eine große Rolle. Die Moore wurden nicht mehr als Kulturlandschaft gepflegt und versteppten immer mehr.
Der starke Bewuchs durch Birken entzog dem Moor zusätzlich Feuchtigkeit. Gerade Birken sind für Moor- und Heidelandschaften untypische Gewächse. So kam es, dass in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts viele, ja, die meisten Moore verschwunden sind. Im Kreis Minden-Lübbecke liegt das mit einer Fläche von 550 ha größte Hochmoor Westfalens.
Dieses Moor entstand vor ca. 11 000 Jahren, als die Weser durch einen Gletscher daran gehindert wurde, ihren heutigen, nördlichen Verlauf zu nehmen. Es bildete sich im Bereich des heutigen Moores ein Rinnensee. Als der Gletscher abschmolz und die Weser wieder nordwärts floss, verlandete dieser Rinnensee und wurde zum Moor. Zunächst entwickelte sich ein Niedermoor, welches nach und nach zum Hochmoor wurde. Seine Reste werden heute als „Großes Torfmoor“ bezeichnet.
Auch in diesem Moor wurde mehrere Jahrhunderte lang Torf als Brenntorf und Baumaterial abgebaut. Die intensive Entwässerung für den Torfabbau begann im frühen 20. Jahrhundert und dauerte bis in die 1950er Jahre. Die zahlreichen und fischreichen Gewässer des Moores wurden in das Flüsschen Flöthe und die Bastau entwässert. Die heutigen Moorseen sind nur ein kleiner Rest der ursprünglichen Seen und überwiegend Reste des Torfabbaus. Vor der Entwässerung besaß das Torfmoor eine Mächtigkeit von bis zu 12 Metern.
Als 1955 der Torfabbau zur privaten Nutzung eingestellt wurde, kam es zur flächigen Verbuschung des Moores mit Birken. In der Folge setzte ein großes Artensterben ein: Birkwild, Sumpfohreule und Wiedehopf starben aus.
Dieses große, trockengelegte Hochmoor, das von den mehr als 1 300 Eigentümern von Kleinstparzellen nach persönlichem Gutdünken entwässert, abgetorft und teilweise mit Fremdboden, Bauschutt und Müll verkippt wurde, verbrachte und verbuschte immer mehr.
Der Naturschutz bringt die Wende
für das Moor
Als in den Jahren 1969/70 durch die Stadt Lübbecke Klärschlamm abgelagert wurde, schlugen die Naturschützer Alarm. Die Klärschlammablagerung konnte abgewendet werden.
In den Jahren 1970 bis 1974 wurde die entscheidende Wende für das Moor bewirkt. In dieser Zeit wurde ein Landschaftsplan vom Amt für Landespflege erarbeitet. Dieser beschreibt die Naturschutzziele sowie die erforderlichen Maßnahmen und bildete die fachliche Grundlage für die Naturschutzausweisung. Im Dezember 1980 wurde das „Große Torfmoor“ zum Naturschutzgebiet erklärt.
Das Schutzgebiet „Großes Torfmoor“ besitzt mit seiner hochmoortypischen Tier- und Pflanzenwelt eine europaweite Bedeutung für den Naturschutz. Um die Hochmoorflächen für den Naturschutz wieder zu entwickeln, begann das Land Nordrhein-Westfalen bereits in den 1970er Jahren mit dem Flächenankauf. Bis zum Jahr 2003 waren über 90 Prozent der Hochmoorflächen angekauft. Bereits Ende der 1970er Jahre erfolgten erste Wiedervernässungsmaßnahmen durch den Anstau von Gräben. Durch diese Maßnahmen sowie viele weitere Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen konnten Flora und Fauna in weiten Bereichen erhalten oder wieder entwickelt werden. In den vergangenen 30 Jahren haben Land und Kreis etwa 6,5 Millionen Euro investiert. Mehrere tausend Exemplare der typischen Hochmoorpflanzen Rosmarinheide, Sonnentau und Wollgräser wurden gepflanzt. Für manche seltene Vogelarten wie Birkhuhn, Sumpfohreule und Ziegenmelker konnte das Aussterben zwar nicht gestoppt werden, doch leben heute im „Großen Torfmoor“ wieder 73 Brutvogelarten, von denen mehr als die Hälfte immer noch auf der roten Liste stehen. Seltene Arten wie Krickente und Bekassine haben sich in ihren Beständen erholt.
Die hohe Lebensraumvielfalt spiegelt sich auch im Vorkommen von 384 (!) verschiedenen Schmetterlingsarten wider. Mit der Wiedervernässung ist auch die Zahl der seltenen Libellenarten stetig gestiegen. Der Bestand des vom Aussterben bedrohten blauen Moorfrosches hat sich aus drei einstmals kleinen Restgruppen auf mehrere tausend Tiere erholt.
Für die Besucher wurde ein attraktives Wanderwegenetz geschaffen, das den Moorkern für Pflanzen und Tiere ruhigstellt und trotzdem ein wunderschönes Natur- und Landschaftserleben zulässt.
An den Parkplätzen wurden Lagepläne aufgestellt, auf denen drei verschieden lange Rundwanderwege und ein Moorerlebnispfad eingezeichnet sind. Von drei ebenfalls eingezeichneten Aussichtstürmen genießt man eine fantastische Aussicht und verschafft sich auch einen Überblick über die vielen Tümpel, Teiche und einen See. Alle Wege sind gut ausgebaut. An besonders feuchten Stellen führen Holzstege durchs Moor. Zum Ausruhen sind einige Bänke aufgestellt.
Es nebelte und nieselte
Als ich von Gehlenbeck (Lübbecke) kommend mein Fahrzeug am Ende der Moorbadstraße auf dem Parkplatz abstellte, war es morgens 9.30 Uhr, nur ca. 7 °C warm (eigentlich meinte ich, das sei kalt). Es nebelte und nieselte, als ich mich auf den großen Rundwanderweg (7,5 km) begab, dick eingepackt und mit meiner Kameraausrüstung „bewaffnet“. Ich habe mit Absicht einen solchen Tag gewählt, um möglichst wenigen Menschen zu begegnen. Vielleicht würde es mir auch gelingen, etwas von der viel beschriebenen mystischen Stimmung im Moor einzufangen. Es gibt ein Gedicht von Ina Seidel, das „Regenballade“ heißt. Darin geht es um den Schnatermann, einen geheimnisvollen Wald. Das Gedicht wurde 1978 von Achim Reichel vertont. Es lohnt unbedingt, sich die Ballade einmal anzuhören. Sie gibt diese typische, unheimliche und mystische Moorstimmung wieder.
Kleiner Auszug (Wald habe ich durch Moor ersetzt):
„Ich kam von meinem Wege ab, weil es so nebeldunstig war. Das Moor war feucht, kalt wie ein Grab und Finger griffen in mein Haar.
Ein Vogel rief so hoch und hohl, wie wenn ein Kind im Schlummer klagt, und ich stand still – ich wusste wohl, was man von diesem Moore sagt. Dann setz ich wieder Bein vor Bein und komme so gemach vom Fleck und quutsch’ im letzten Abendschein schwer vorwärts durch Morast und Dreck. Es nebelte und nieselte, es roch nach Schlamm, verfault und nass, es raschelte und rieselte und kroch und sprang im hohen Gras.“
Ein leichter Nebel war schon da und genieselt hatte es auch. Ich war sehr überrascht, wie nass das Moor nach den jahrzehntelangen Renaturierungsarbeiten wieder geworden war. Überall kleinste Tümpel und Teiche. Des Öfteren passierte ich besonders schöne Abschnitte über die angelegten Holzstege. An einem der etwas größeren Teiche hatte sich ein Schwarm von etwa 60 Graugänsen niedergelassen, die schon aus dreihundert Metern Alarm schlugen. Trotz Teleobjektiv musste ich den markierten Weg verlassen, um sie fotografieren zu können.
Schon nach zwei Metern Gehstrecke sackte ich fast bis zu den Knien ein. Es stehen überall Schilder, dass man die Wege nicht verlassen soll, was auch unbedingt einhalten werden muss, auch wenn man noch so neugierig ist. Zu meinen Fotos bin ich dennoch gekommen. Am rot markierten Rundwanderweg sind neben anderen Fundstücken in einem Glaskasten auch die Knochen einer Moorleiche ausgestellt. Überschrift: Mord im Moor.
Menschen habe ich während der dreistündigen „Expediton“ kaum getroffen. Nach zwei Stunden überholte mich ein Jogger und eine weitere halbe Stunde später traf ich Herrchen und Hund. Das war’s.
Nach zwei Stunden Alleingang bei regnerischem und leicht diesigem Wetter im Moor können einem dann schon einmal die ersten moortypischen Gedanken kommen. Man kann aber auch die Stille genießen und total abschalten, auf einer Bank ausruhen und seinen Gedanken nachhängen oder auf einem der Aussichtstürme das Moor betrachten.
Wenn man das will, sollte man das zeitige Frühjahr nutzen, bevor ab April wieder die Moorführungen beginnen. Vorher noch einmal „Der Knabe im Moor“ lesen und die „Regenballade“ hören! Ich wünsche Ihnen viel Spaß, Entspannung und Erholung im Moor.

