Städtereise Lünen an der Lippe

Städtereise LünenDas Wort historisch mag für viele Leser einen vorrangig angestaubten Eindruck hinterlassen, kann aber auch wie in diesem Falle für Entwicklung, Wandel, Kontinuität und Geschichte stehen. Die Stadt Lünen hat eine wechselvolle, jahrhundertealte Stadtgeschichte hinter sich, in deren Verlauf ihre Bürger viele positive und negative Entwicklungen durchlebt haben. Die ersten Aufzeichnungen über Ansiedlungen römischer Truppen im heutigen Stadtteil Beckinghausen datieren sogar schon um Christi Geburt. Diese Städtereise soll nicht geprägt sein von allzu viel Geschichte des Altertums und Mittelalters, deshalb hier nur die wichtigsten Fakten.

Um das Jahr 880 wird Lünen erstmals im Heberegister des Klosters Werden (Ruhr) erwähnt. Das Kloster Werden hatte zu dieser Zeit eine führende Rolle für die Registrierung von Siedlungen und Ortschaften im gesamten westfälischen Raum inne. Für Lünen waren zu dieser Zeit die Bauernschaften Alstedde (Alstedi), Wethmar (Wetmeri), Nordlünen (Nordliunon) und Südlünen (Sudliunon) registriert. Aufgrund seiner Lage an dem Lippeübergang, einer bedeutenden Fernhandelsstraße, entwickelte sich Südlünen zum Kirchdorf Lünen. Um 1018 entstand der erste Steinbau der St. Marien-Kirche, die 1254 während der Schlacht bei Brechten zerstört und um 1300 als frühgotische Hallenkirche neu errichtet wurde.
Im Jahre 1215 wurde um Lünen eine Befestigung errichtet. Ab dem Jahre 1279 besaß Lünen den Status einer Stadt. Graf Adolf II. von der Mark verlegte Lünen aus politischen und strategischen Gründen vom Nordufer auf das Südufer der Lippe und verlieh der Stadt 1341 das (märkische) Stadtrecht. Seit 1341 wird in Lünen die Lüner Messe abgehalten, die noch heute als „Lünsche Mess“ gefeiert wird. Ursprünglich war dies ein sieben Tage dauernder Kram- und Viehmarkt. Heute ist die „Mess“ ein großes Stadtspektakel mit Kirmes, vielen Buden und immer noch mit einem Angebot an allerlei Kram. Alljährlich im September wird die „Mess“ von über 100 000 Menschen besucht.
Durch den Lippeübergang der alten Fernhandelsstraße gewann Lünen als Handelsstadt stetig an Bedeutung. Die Kaufmannswagen, die hier verkehrten, stammten vorwiegend aus dem Bergischen Land, Hessen und Bremen. Auf diesem Weg wurde hauptsächlich Bier, Käse, Wein und Eisen transportiert oder man führte Rinder, Schweine oder Pferde mit sich. Diese Straße (der dänische Ochsenweg) war gleichzeitig die Nord-Süd-Verbindung zwischen Westfalen und dem Rheinland. Auf diesem Weg wurden die Tiere aus den norddeutschen Viehzuchtgebieten bis ins Rheinland getrieben. In den folgenden Jahrhunderten gehörte Lünen als „Beistadt“ der Städte Hamm und Unna der Hanse an. In diesem Zusammenhang wird Lünen erstmals 1476 erwähnt. Der letzte Hansetag der historischen Hanse fand 1669 statt. Zum mächtigen Handelsbund der Hanse gehörten während ihrer Blütezeit 70 große und 100 – 130 kleine und mittlere Städte. Die Idee der Hanse wurde 1980 durch die Hansestadt Zwolle mit der Gründung der „Hanse der Neuzeit“ wiederbelebt.
Die sogenannte Neuzeit (beginnt 1492 nach der Entdeckung Amerikas oder während der Reformation 1517 – da sind sich die Historiker nicht ganz einig) startet in Lünen mit einem Großbrand, der nahezu alle Gebäude der Stadt zerstörte. Während der ersten Blütezeit als Handelsstadt gelang es Lünen bis 1598 alle Feinde aus der Stadt fern zu halten. In den folgenden Jahrzehnten jedoch hatte die Stadt erheblich unter machtpolitischen Ränkeleien und Kriegen zu leiden. Im Laufe des Dreißigjährigen Krieges wurde Lünen mehrfach militärisch besetzt. Besonders schlimm erwischte es deren Bewohner 1634 als fünf verschiedene Besatzungen die Stadt beherrschten bzw. terrorisierten. Die Befestigungsanlagen wurden während dieser Zeit zweimal zerstört und wieder aufgebaut.
Ab dem Jahre 1700 begann sich Lünen als Ackerbürgerstadt zu entwickeln. Im Jahre 1719 lebten 1 238 Menschen in der Stadt, die vor allem als Handwerker, Kaufleute und Arbeiter tätig waren und sich nebenberuflich in der Landwirtschaft (Ackerbürger) ein Zubrot verdienten. Während des Siebenjährigen Krieges (1756 – 1763) lag Lünen in der Kampfzone, wodurch die Stadt aufgrund der ständigen Einquartierungen völlig verarmte. In der Folge lebten 1765 nur noch 972 Menschen in Lünen.
Im beginnenden 19. Jahrhundert begann nach der Zeit als Handels- und Hansestadt die Ära als Industriestandort. Trotz allem stieg die Einwohnerzahl nur sehr langsam an. Neue Straßen (Kunststraßenverbindungen) wurden gebaut, 1822 zwischen Lünen und Dortmund und 1823 zwischen Lünen und Werne. Mit der Eisenhütte Westfalia siedelte sich 1826 das erste (klassische) Industrieunternehmen in Lünen an, das nach der Ära „Eisenhütte Westfalia“ sehr oft den Besitzer wechselte (DBT, Bucyrus und jetzt Caterpillar). In den nachfolgenden Jahren und Jahrzehnten kamen Schachtanlagen wie die Zeche Preußen 1887, die Zeche Viktoria 1910 und die Groß-Zeche Minister Achenbach mit ihren sieben Schächten hinzu. Der erste Schacht wurde 1897 abgeteuft und die letzte Schicht fand am 30. Juni 1992 statt. Zu der Zeit waren noch 1 900 Bergleute und Angestellte auf der Schachtanlage beschäftigt. Die Glashütte (Gründung als Familienunternehmen 1907), die Hüttenwerke Kayser 1916 und 1938 die VAW Aluminiumhütte (Lippewerk) folgten. Lünen hatte sich zu einem Industriestandort ansehnlicher Größe entwickelt. Um die Rohstoffe in ausreichender Zahl nach Lünen zu bringen und die produzierten Produkte in großen Mengen zum Kunden transportieren zu können, wurde 1914 der städtische Hafen, der spätere Stadthafen und 1914 der Preußenhafen als Kohleverladehafen in Betrieb genommen. Der Stadthafen entwickelte sich vom reinen Kohlehafen zum Güterumschlagplatz für Schüttgüter (vor allem Kohle), Kupfer und Kupferbleche, Getreide, Baustoffe und Glas.
Ab 1910 begann auch die Einwohnerzahl sehr dynamisch zu wachsen. Waren es 1890 nur 4 500 Einwohner, betrug die Zahl 1910 schon 10 500 Einwohner. 1933 waren es bereits 45 600 und 1950 schon über 61 000 Einwohner. Dieser sprunghafte Anstieg der Einwohnerzahlen war insbesondere auf die industrielle Entwicklung der Stadt zurückzuführen. So waren auf der Zeche Viktoria zeitweise bereits über 4 500 Menschen beschäftigt. Bis zum 31.12.2000 ist die Einwohnerzahl kontinuierlich bis auf über 92 000 Einwohner angestiegen. Seit dieser Zeit ist die Entwicklung rückläufig. Da spielt natürlich auch der oft zitierte Strukturwandel eine Rolle, aber nicht ausschließlich. 1990 stellte die Aluminiumhütte (2 000 Beschäftigte) ihre Aluminium-Produktion ein und 1999 den Gesamtbetrieb, wie bereits erwähnt, wurde auf der Zeche Minister Achenbach 1992 die letzte Schicht gefahren. Das waren natürlich riesige Einschnitte in die Beschäftigungsstruktur einer Stadt mit ca. 90 000 Einwohnern. Die Wirtschaftsförderung war hier schon sehr früh und sehr engagiert tätig, um neue Gewerbebetriebe nach Lünen „zu holen“. Seit 1993 gehört das Lippewerk zur Rethmann-Gruppe. Sie baute es in Verlauf zu Europas führenden Recy­clingunternehmen (Remondis) aus. Heute sind hier in diesem Industriepark wieder 1 200 Menschen beschäftigt, die sich aus Mitarbeitern von Remondis und anderen Unternehmen des Gewerbeparks zusammensetzen. Ein weiteres Großunternehmen ist der Energieversorger STEAG, der 1962 mit einem 150 Megawatt Kohlekraftwerk ans Netz ging. In Kürze kommt das neue und hochmoderne 750 Megawatt Trianel Kohlekraftwerk als weiterer Energieversorger hinzu.
Dieser Artikel über Lünen soll nicht nur über die wirtschaftlichen Seiten der Stadt Lünen berichten, denn Lünen hat auch andere wichtige und schöne Dinge, über die wir hier reden möchten. Deshalb zum Abschluss diesen Teils: Die Lüner Wirtschaftsförderung (heute unter der Leitung von Michael Sponholz) war gerade in den vergangenen Jahren innovativ und kreativ, wenn es darum ging, durch Neuansiedlungen, auch durch den Strukturwandel, verlorene Arbeitsplätze zurückzugewinnen. Namhafte Unternehmen konnten hier auf teilweise alten Industriebrachen angesiedelt werden. So ist der Baumaschinenhersteller und Bergbauzulieferer Caterpillar (ehemals Westfalia, DBT, Bucyrus) weltweit führend. Insgesamt konnten durch die Aktivitäten der Wirtschaftsförderung viele mittelständische Unternehmen des Handwerks, der Produktion und Dienstleistung neu angesiedelt oder der Bestand gesichert bzw. ausgebaut werden. Vorzeigeprojekt und Imageträger der Stadt ist das sogenannte UFO, ein von ­Luigi Colani entworfener Ellipsoid, der 1995 in Anwesenheit des Star-Architekten und viel Prominenz aus Politik und Wirtschaft auf das Schachtgerüst IV der Zeche Minister Achenbach aufgesetzt wurde. Dieses UFO, auch Colani-Ei genannt, liegt im Technologiezentrum Lünen (Lüntec) und wird heute als Business-Lounge und Tagungsstätte genutzt. Es ist weithin sichtbares Wahrzeichen für einen gelungenen Strukturwandel.
Touristisch und auch kulturell ist Lünen auf alle Fälle eine Reise wert. Historische Orte und Gebäude sowie überregional bekannte Feste und Veranstaltungen wie die Lünsche Mess, das Brunnenfest, das Drachenfest oder das international renommierte Kinofest locken alljährlich hunderttausende von Besuchern in die Stadt. Nicht zuletzt lädt die neugestaltete Fußgängerzone mit der 2010 fertiggestellten Lippekaskade zum Bummeln und Shoppen ein. Die Lippekaskade kann von den Bürgern auch zum stilvollen picknicken genutzt werden. Für Feinschmecker ist der Viktualienmarkt zu empfehlen. Er findet regelmäßig jeden Samstag statt. Dienstags und freitags ist Wochenmarkt. Alle Märkte finden auf dem Willy-Brandt-Platz vor der Kulisse des Rathauses statt.
Akzente gesetzt für ein positives Stadtbild hat auch die Wohnungsbaugenossenschaft Bauverein zu Lünen eG, die auch mitverantwortlich ist für eine positive städtebauliche Entwicklung, z. B. in der Fußgängerzone.
Neben der historischen Innenstadt, die gerade im Bereich Mauerstraße sehr gut erhalten ist, einer der ältesten Gaststätten Deutschlands, dem Brauhaus Drei Linden (anno 1697 als Gasthaus am Christinentor gegründet), der alten Schlossmühle von 1760, die von den Mühlenfreunden gerade vor dem Verfall gerettet und komplett saniert wurde und dem historischen Schloss Schwansbell kann man sich in Lünen auch gut erholen. Traditionell fuhr man „früher“ gerne für eine Ruderpartie oder einen ausgedehnten Spaziergang an den Cappenberger See. Seit der Landesgartenschau 1996 in Lünen ist im Stadtteil Horstmar eine beeindruckende Parklandschaft (der Seepark Lünen mit dem Horstmarer See) entstanden. Hier zahlen die Menschen keinen Eintritt, können baden und auf den großen parkähnlich angelegten Wiesen entspannen und sonnen. Radfahrer können ihre Räder mitbringen und Autofahrer parken auf dem großen ausgeschilderten Parkplatz gegenüber der Firma Neuhäuser. Der See ist von hier leider ca. einen Kilometer entfernt. Einmal angekommen genießt man von der Terrasse des Seekiosks einen wunderbaren Blick auf den See. Der Kiosk bietet seinen Gästen neben einer Vielzahl von Getränken auch Speisen von der Bratwurst bis zum Schnitzel an. Im ganzen Park herrscht eine angenehm ungezwungene Atmosphäre, die nicht nur zum Baden, sondern auch zum Spaziergehen oder Kaffee trinken einlädt.
Lünen ist heute eine Stadt mit ca. 88 000 Einwohnern, die ihren Bürgern und Gästen weit mehr bietet, als man auf den ersten Blick vermuten könnte und auch als manch eine andere Stadt gleicher Größenordnung anbieten kann. Lünen ist eine Stadt mit einer vielschichtigen Gewerbepräsenz aus Industrie, Handwerk, Handel und Dienstleistern und bietet zudem eine hohe Lebensqualität.
Gerhard Besler

Weitere Informationen zu Lünen, inkl. Live-Stream vom Marktplatz erhalten Sie unter: www.luenen.tv