Wandererlebniswelt im Schmallenberger Land
Wer sagt denn, dass es auf einer Wandertour im Juli immer warm sein muss und die Sonne zu scheinen hat? Nachdem ich viele Jahre in den Alpen gewandert bin, habe ich die letzten fünf Jahre nur noch am Schreibtisch und den Küchen vieler westfälischer Restaurants verbracht – will sagen: konditionell bin ich total eingerostet. Seit einiger Zeit habe ich mit dem Gedanken gespielt mich auf leichten Wandertouren in den Sauerländer Bergen wieder einzulaufen. Gedacht – getan.
Am 8. Juli machte ich mich auf den Weg zum Hotel Deimann nach Schmallenberg. Das Hotel ist seit 25 Jahren für seine geführten Wandertouren am und auf dem Rothaarsteig bekannt. Die Anreise war nicht gerade motivierend. Das Außenthermometer meines Wagens zeigte Temperaturen zwischen 11 °C und 12 °C an. Hinzu kamen gelegentliche Regenschauer. Bei Deimann angekommen, hatte sich das Wetter einigermaßen eingekriegt. Die heutige Wanderung fand im Rahmen einer Wanderwoche statt. Zu diesen Wanderwochen buchen Wanderer und Naturlieber aus ganz NRW eine Woche Wanderurlaub im Hotel. Die Wandergruppen bestehen aus ca. 30 bis 40 Teilnehmern meist im Alter von 40 bis 80(!) Jahren. Viele von ihnen wandern schon seit Jahrzehnten und in den unterschiedlichsten Wanderregionen Deutschlands, einige sind auch im Ausland auf Tour. Die Internetseite des Hauses verspricht unvergessliche Impressionen und herrliche Aussichten auf den Wanderungen am und auf dem Rothaarsteig, einem der bekanntesten Wandertouren Deutschlands. Familie Deimann bietet geführte Touren unterschiedlicher Dauer und Schwierigkeit an. Neben einer wöchentlich geführten Hauswanderung gibt es noch die Wanderwochen à la Deimann (mit ca. 15 km Touren pro Tag) und die Aktiv-Wanderwochen am Rothaarsteig, mit 25 bis 30 km Touren pro Tag. Mit diesen drei unterschiedlichen Angeboten werden sowohl Gelegenheitswanderer wie auch ambitionierte „Vielwanderer“ angesprochen. Die Wanderwochen beinhalten sieben Übernachtungen mit Verwöhn-Halbpension und fünf von Andreas oder Theo Deimann geführten Touren.
An diesem Julimorgen trafen sich um 10.00 Uhr aufgrund der unsicheren Wetterlage „nur“ 21 Unentwegte zur dritten Tour während dieser Wanderwoche. Eines der besonderen Erlebnisse bei den geführten Touren während so einer Wanderwoche ist die Verpflegung aus dem Wandermobil während der Mittagsrast. Das Wandermobil ist eine wohl einmalige Spezialanfertigung, wie ich sie sonst noch nie gesehen habe. Das Fahrzeug führt Biergartentische und Bänke mit, auf denen die Wanderer durch eine große Markise vor leichtem Regen oder all zu viel Sonnenschein geschützt sind. Herzhafte Verpflegung, die im Hotel vorbereitet wurde, wird aus dem Fahrzeug serviert. So ist man unabhängig von der Einkehr in Gasthöfen und kann so seine Rast an die schönsten Plätze in freier Natur verlegen. Die feuchte Witterung ließ morastige Waldwege vermuten, daher hat Andreas Deimann umdisponiert und die Mittagsrast nach geplanten 12 km Strecke in den Gasthof Grubental verlegt.
Die Strecke
Geplant war für diesen kalten und nassen Julitag eine Tour von ca. 18 km Länge. Von der Bushaltestelle am Albrechtsplatz ging es in das tief eingeschnittene, enge Latroptal. Vom Albrechtsplatz ging es zum Heidenstock, dann die lange Talvariante des Rothaarsteigs, vorbei am Kyrillpfad bei Schanze. Hier können die Wanderer erfahren, welche Schäden der große Sturm am 18. Januar 2007 im Sauerland angerichtet hat. Weiter sollte es gehen durch das Grubental nach Latrop, wo im Gasthof Grubental die Mittagsrast geplant war. Auf dem alten Kirchweg, über die Schmallenberger Höhe, vorbei am „Pissebaum“ zum Kloster Grafschaft. Weiter am Südosthang des Wilzenberg, hinauf zur Stellmecke und zurück nach Winkhausen. Für die Strecke nach der Mittagsrast waren noch 6 km vorgesehen.
Los geht’s
Die 21 Unentwegten starteten unter Führung von Andreas Deimann zu ihrer heutigen Tour.
Von Andreas Deimann erfuhr ich, dass sich im Laufe der vielen Jahre, in denen die Familie die Wanderungen durchführt, sich die Ziele der Wanderer komplett geändert haben. Die meisten Teilnehmer sind nicht mehr die Herrenclubs, die möglichst viele Kilometer pro Tag machen wollen, sondern Naturliebhaber mit ausgeprägtem Gesundheitsbewusstsein. Auch viele individual-Wanderurlauber steigen im „Wanderhotel“ Deimann ab.
Unterwegs wurden wir dann gleich mehrfach mit Regen eingedeckt. Dem Nieselregen folgte Starkregen und diesem wieder der Nieselregen. Gelegentlich wurde der Himmel etwas heller und man konnte erahnen, an welcher Stelle bei schönem Wetter die Sonne stehen würde. Vorsorglich hatten sich fast alle Wanderer mit Regenschirmen eingedeckt. Nach zwei Stunden merkte man einigen Wanderern ihre unterschiedliche Kondition und Moral an. Das schlechte Wetter zeigte erste Auswirkungen. Dass man bei Deimann auch auf verletzungsbedingte Ausfälle eingestellt ist, zeigt die jahrelange Erfahrung der Familie und die professionelle Organisation. Als eine Wanderin über eine Baumwurzel stolperte und sich augenscheinlich einen Arm auskugelte, war ein Fahrzeug des Hotels, gesteuert von Frau Deimann in wenigen Minuten zur Stelle, um die gestürzte Wanderin ins das nächste Krankenhaus zu bringen. Am Kyrillpfad bei Schanze traf die Gruppe auch auf den von seiner Größe her beeindruckenden „Krummstab“ (eine allzugroße Macht stirbt durch ihre eigene Masse) von Heinrich Brummeck. Er ist eine der Skulpturen auf dem hier verlaufenen Waldskulpturenweg.
An dieser Stelle möchte ich unbedingt erwähnen, dass Wanderführer Andreas Deimann der Gruppe nicht nur den Weg gewiesen hat, sondern an markanten Punkten den Teilnehmern auch immer die Bauwerke, Naturdenkmäler oder besonders schöne, alte oder historische Gegenstände erklärt hat. Zum Pissebaum, dem Altarstein, dem Krummstab, dem Kyrillpfad oder dem alten Kloster Grafschaft hatte er immer interessante Informationen für die Wanderer.
Nach drei Stunden war die erste Etappe der Wanderung geschafft und man kehrte ein in den Gasthof Grubental. Mit hervorragenden Mettwürstchen, Kartoffelpüree und Sauerkraut stärkte man sich für die Schlussetappe. Während der Mittagsrast nahmen die ersten acht Teilnehmer ihren Abschied und ließen sich vom Hotel hier abholen. Hier wurde wohl dem Wetter erstmals Tribut gezollt. Nach dem Anstieg zur Schmallenberger Höhe kam es zu weiteren Ausfällen und in der Ortschaft Grafschaft fuhren einige mit dem Linienbus zurück zum Hotel. Sie verpassten dann auch die wunderbare Aussicht vom Wilzenberg auf das Hotel Deimann. Gegen 17.00 Uhr am Hotel angekommen, waren von der Gruppe noch 3 unentwegte Mohikaner übriggeblieben. Lassen Sie mich zum Schluss einmal sagen, dass auch eine Wanderung im Regen ihre Reize hat. Am Schluss weiß man wirklich, was man geleistet hat und man kämpft öfter gegen seinen inneren Schweinehund als bei gutem Wetter. Diese Erfahrung sollte man nicht missen. Zum Anderen sind die Touren von Deimann so organisiert, dass man jederzeit aussteigen kann, wenn es einem zu viel wird. Auch ist eine Wanderung durch das Hochsauerland kein Sonntagsspaziergang. Auch im Sommer kann man hier von unerwarteten Wetterwechseln überrascht werden, aber unvergleichlich reizvoll, kommunikativ, gesund und schön. In diesem Sinne, wünscht Ihnen ein Schreibtischtäter, der es auch mal wieder versucht hat, viel Spaß auf Ihren Wandertouren.
Gerhard Besler

